Die Entdeckung der Langsamkeit

Der französische Entwickler Lexis Numérique hat sich seit jeher das Besondere auf seine Fahnen geschrieben. Bereits mit den beiden In Memoriam Teilen beschritt man neue Pfade, hatte dabei aber noch mit dem einen oder anderen Stolperstein zu tun. Nun bewegt man sich mit Experience 112 erneut abseits ausgetretener Abenteurerwege und gerät doch einmal mehr ins Straucheln.

Desktopcharme

Lea Nichols erwacht nach über 30 jährigem Schlaf auf einem vor sich hinrostenden Tanker. Mit gewohnt schwächelndem Gedächtnis und völlig orientierungslos beginnt sie die fremde Umgebung zu erkunden. Schnell entdeckt Miss Nichols Sie. Oder genauer Ihre elektronischen Augen. Denn anders als Sie es gewohnt sind, steuern Sie nicht Lea, sondern sitzen in einer Sicherheitszentrale, die Ihrem heimischen Wohnzimmer verdammt ähnelt. Von hieraus starren Sie auf den Monitor Ihres PCs, auf dem sich die schnöde Benutzeroberfläche eines Überwachungsprogramms entfaltet und mit der Sie Zugriff auf die im ganzen Schiff verteilten Kameras haben und elektronische Türen und Geräte bedienen können. Wer Sie sind und wie Sie in diese Situation gekommen sind behält das Spiel für sich. Wichtig ist nur, dass Sie Lea aus ihrer misslichen Lage befreien.

Schnell ist klar, dass auf dem zur Forschungsstation umgebauten Tanker etwas schreckliches passiert ist. Was da genau passiert ist, erfahren Sie bereits zur Mitte des Spiels. Generell behält Experience 112 seine Geheimnisse nicht lange für sich und bis zum eigentlichen Ende haben Sie sich die Geschichte bereits weitestgehend zusammengereimt.

Wie schon erwähnt steuern Sie Lea nicht direkt, sondern mit Hilfe der Überwachungssoftware. Dazu arrangieren Sie auf Ihrem Desktop bis zu drei verschiedene Kameras und diverse, nicht immer übersichtliche Fenster, in denen Sie sich durch die Personalakten der ehemaligen Besatzungsmitglieder und Wissenschaftler wühlen, deren Emails lesen und Passwörter entschlüsseln. Hinzu kommt noch die Übersichtskarte des jeweiligen Decks. Alle Fenster lassen sich frei platzieren. Desto geringer die Auflösung, desto weniger Platz haben Sie hierfür zur Verfügung, was der Übersichtlichkeit nicht gerade zuträglich ist. Also schieben Sie ständig die verschiedenen Menus hin und her, um Lea nicht aus den Augen zu verlieren. Die Kameras werden im Spielverlauf mit nützlichen Zusatzfunktionen wie Zoom und Infrarotsicht aufgerüstet, die in der Regel beim Lösen der verschiedenen, Ziele genannten Rätsel und Aufgaben Verwendung finden. Sieben dieser Ziele gilt es zu erreichen. Diese unterteilen sich in unterschiedlich viele Nebenaufgaben.

Per lichteinschalten oder telefonklingelnlassen lotsen Sie die Heldin durch das Wrack und lenken ihre Aufmerksamkeit auf wichtige Objekte und Bereiche. Nur selten wird von Ihnen mal die Eingabe eines Codes verlangt, um Türen zu öffnen oder Geräte zu aktivieren. Das Höchstmaß an Interaktivität ist erreicht, wenn Sie einen Roboter fernsteuern oder per Klimaanlage die Raumtemperatur erhöhen. Ansonsten beobachten Sie Lea nur bei den von Ihnen ausgelösten Aktionen, die Sie nicht immer sofort ausführt.

Willkommen in der Schweiz

Dies wäre jetzt der richtige Moment, um ein Vorurteil über Schweizer zu vertiefen. Man sagt ihnen nach, im Handeln, wie im Denken etwas träge, um nicht zu sagen langsam, zu sein. Somit scheint Lea Nichols trotz des englisch klingenden Namens aus der Schweiz zu stammen. Sie schleicht mit einer Geschwindigkeit durch die Gänge, dass Sie vermuten, sie wäre beim Gehen eingeschlafen. Ebenso stellt sie beim Ausführen von Aktionen Ihre Geduld auf eine harte Probe. Und wenn Sie Lea mehrmals durch das halbe Schiff scheuchen müssen, um zum Beispiel die passende Sicherung zu finden, werden Sie sich dabei ertappen, wie ein „Beweg Dich!“ über Ihre Lippen gleitet. Zur Eile lässt sie sich leider nicht antreiben. Selbst zwischen einzelnen Sätzen können sich die verstrichenen Sekunden zur zweistelligen Ewigkeit dehnen. Die kleinteilige Steuerung ist dem ganzen auch nicht gerade zuträglich.

Ebenfalls Geduld erfordern die zahlreichen Texte, die es zu lesen gilt. Zwar wird das Geschehen immer wieder durch gut gemachte Zwischensequenzen, die als Erinnerungsfetzen in Leas Gedächtnis durchsickern, unterbrochen, doch ein großer Teil der Hintergrundgeschichte muss in den zahllosen persönlichen Dateien und Emails der Crew erlesen werden.

Zumindest stimmt die Atmosphäre. Die bedrückende Stimmung auf dem verrottenden Schiff wird durch gute und scharfe Texturen, detaillierte und abwechslungsreiche Räumlichkeiten nahe zu perfekt transportiert. Sowohl Leas Stimme – hier kommt die deutsche Stimme von Evangeline Lilly, der Kate aus der TV-Serie Lost, zum Einsatz, als auch die sehr gute Musik tragen einen Großteil zur Atmosphäre bei.

Fazit

Experience 112 liegt eine gute Idee zu Grunde. Doch leider wird diese nicht so gut umgesetzt, wie man es sich eigentlich wünscht. Und das dürfte wohl die größte Enttäuschung sein, sind doch Innovation selten in einer Branche, die sich immer mehr auf altbewehrtes verlässt. Lea steuert sich träge und bewegt sich nur schleppend. Die vielen Fenster und Menus lassen Übersicht vermissen. Den Aufgaben mangelt es an Hinweisen. Das Spiel verspeist Hardware zum Frühstück.

Auf der anderen Seite können die Geschichte, der sehr gute Sound, die vielfältige Umgebung und die gute Grafik überzeugen. Und so wünscht man dem Spiel den verdienten Erfolg, in der Hoffnung, dass auch andere Entwickler den Mut für das Besondere finden.

Pro und Kontra
+ gute und spannende Geschichte
+ hübsche und stimmungsvolle Grafik
+ perfekte Synchronisation und Musik
+ innovatives Spielkonzept und Steuerung

- ...die leider zu träge und fummelig ist
- unübersichtliche Menus
- hardwarehungrig

Einzelwertungen:
Spielspaß: 75 Prozent
Grafik: 81 Prozent
Akustik: 84 Prozent
Bedienung: 64 Prozent
Mehrspieler: nicht vorhanden

Gesamt: 76 von 100 Prozent.