Pro Evolution Schocker unter Portugiesen

Gegen den Nachbarn oder den besten Freund Fußball vor dem Bildschirm zu spielen, wird bald langweilig. Erst recht, wenn man immer gewinnt. Warum also nicht einmal an einem Turnier mitmachen und sich mit Fremden messen? Ich habe den Versuch gewagt.

Es war eine dieser endlos langen Vorlesungen in der Fachhochschule. Gelangweilt vom Thema begann ich mich mit meinem portugiesischen Tischnachbarn über Fußball zu unterhalten. Schnell wurde mir klar, dass er mir stundenlang in den buntesten Farben über das Spiel seiner Selecção erzählen könnte. Viel interessanter wurde es, als er die regelmäßigen Pro Evolution Soccer Turniere ansprach, die er organisiert. Als begeisterter Spieler von Konami´s Simulationsreferenz sagte ich spontan zu. Es sollte mein erster Ausflug in die Welt des E-Sports werden.

Hinten dicht, vorne Winkel

Somit war klar, dass ich mich neben den Klausuren auch verstärkt um meine Spielstärke in Pro Evolution Soccer 4 kümmern musste. Frei nach dem Motto: „Klausuren kann man wiederholen, das Turnier wird nicht neu gestartet!“ intensivierte ich im September mein Trainingspensum. Zusammen mit einem Freund, der ebenfalls als Neuling am Turnier teilnehmen wollte, veranstaltete ich regelrechte Trainingslager. Am Wochenende. Samstagabends. Während also der Großteil der Teens und Twens auf Partys feierte, feilten wir im abgedunkelten Wohnzimmer an Aufstellungen und Taktik. Die Generalprobe für das Turnier verlief auch, wie es sich gehört: Nach zwei Stunden Spielzeit flog die Sicherung raus und auf dem virtuellen Trainingsplatz gingen alle Lichter aus. Mit der Gewissheit, dass eine verpatzte Generalprobe immer ein gutes Zeichen ist, war ich dennoch optimistisch für die anstehende Meisterschaft.

Wie sieht ein starker E-Sportler aus?

Am 1. November war es soweit. Allerheiligen wurde zum Tag der Fußballheiligen. In einem portugiesischen Elternverein in Lohmar bei Bonn trafen sich 27 PES-Kicker, um untereinander den Turniersieger auszuspielen. Der Anblick der Kontrahenten machte mich unsicher. Vom 13-jährigen Junior bis zum 40 Jahre alten Familienvater reichte die Altersspanne. E-Sports ist nun mal kein Sport, bei dem man seinen Gegner nach dessen Körperbau beurteilen sollte. Das Turnier wurde auf Playstation 2 mit Pro Evolution Soccer 4 ausgetragen. Die routinierteren Spieler brachten ihre eigenen Controller und Konsolen mit. Logisch, man zieht sich ja auch keinen fremden Schuh an! Ich hingegen hatte mich auf der X-Box auf das Turnier vorbereitet. Der Unterschied des „Controller S“ zum „Dual Shock 2“ war wie Kunstrasen zu Ascheplatz. Aber gut, das durfte als Ausrede natürlich nicht zählen.

Ernüchterung in der Gruppenphase

Vor dem Anpfiff der Gruppenphase trat die einzige Frau des Abends als Los-Fee in Erscheinung. Sie bestimmte vor jeder Begegnung die Mannschaften. Da die Turnierleitung die generell besten Teams des Spiels in den Lostopf geworfen hatte, kamen mitunter skurrile Spiele zustande: So traf Irland auf Bayern München, während sich in der Partie Spanien gegen Real Madrid gleich zwei Raúls gegenüber standen. Ich konnte mich hingegen über meine zugelosten Teams nicht beschweren. Ein 2:0 zum Auftakt beruhigte erstmal mein Nervenkostüm. Dann bekam ich allerdings von einem 13jährigen Portugiesen durch ein 1:3 und 0:5 meine Grenzen aufgezeigt.

Mit Ach und Krach in die Finalrunde

Nach der Vorrunde rutschte ich als viertbester Gruppendritter noch gerade so in die Finalrunde. Im Achtelfinale wartete dann der Titelverteidiger auf mich. Seinen Siegerpokal trug er immer bei sich, wohin er auch ging. Ihm war anzumerken, dass er den Grünschnabel aus dem X-Box-Trainingslager mit offenen Armen empfing. Er wählte Frankreich, ich Deutschland. Wenn schon untergehen, dann mit wehenden Fahnen, dachte ich mir. Meine Unbekümmertheit hätte fast zum Erfolg geführt. Doch als eine Großchance frei vor Barthez ungenutzt blieb, schlug der Champion umgehend zu. Bei diesem 1:0 blieb es bis zum Abpfiff. Als Trostpflaster attestierte mir der amtierende Meister ein gutes Spiel. Nun gut, kaufen konnte ich mir dafür nichts.

Kleiner Mann mit großer Leistung

Währenddessen machte der 13-jährige Nachwuchs-Konsolero weiter Schlagzeilen. Er schoss und dribbelte sich durch die Finalrunden, bis er schließlich im Halbfinale den Titelverteidiger mit 2:1 ausschaltete. Im rein portugiesischen Finale konnte dann mein Kommilitone beweisen, dass die Junioren noch nicht reif für den Sieg sind. Er tat es aber nicht. Mit einem 2:1 sicherte sich mein Gruppengegner den Pokal und wurde somit zum Pelé der Playstations. Mein Resümee des Abends fiel durchweg positiv aus. Sicher werde ich noch einmal als E-Sportler antreten. Im Vergleich zum realen Sport ist auch die Verletzungsgefahr deutlich geringer: Auf der Heimfahrt schmerzte nur der linke Daumen von all den Täuschungen, Flanken und Torschüssen.