Veröffentlicht am Freitag, 24. Oktober 2008 von Matthias Bogdanski
Besser, schöner, raffinierter: PES 2009 nimmt den Fehdehandschuh von FIFA 09 auf. Hätten sie es doch besser gelassen und wären im Trainingslager geblieben. Mit stumpfen Waffen ist nichts zu holen im Kampf um den Fußballthron.
Es gibt nur sehr wenige Genres, in denen nur zwei Kontrahenten ernsthaft um die Gunst der Fans buhlen müssen. Das Balzverhalten zwischen dem schönen und exklusiven "FIFA" und dem charakterstarken und tiefsinnigen "PES" hat die Freunde von Fußballsimulationen in den letzten Jahren auf Trab gehalten. Dabei wird das mittlerweile jährliche Duell aus dem Bauch heraus entschieden. Wer FIFA mag, bleibt bei FIFA. Wer Pro Evolution Soccer favorisiert, wird auch den Nachfolger kaufen wollen. Die Fangemeinden sind gefestigt. Und doch nähern sich die Kontrahenten einander an. Als glaube man bei Electronic Arts in Kanada oder bei Konami in Japan, dass doch noch ein paar Wechselwillige ins andere Lager springen würden. Das war noch nie so wahrscheinlich wie in diesem Jahr. Denn die Evolution bleibt aus.Im Spiel setzt sich die Grafik-Ernüchterung fort. Die Bildschirmeinblendungen, wie Spielername oder Spielstand, können mit ihrem comichaften und klotzigen Look bestenfalls als retro bezeichnet werden. Daran kann man sich aber gewöhnen. Zum Abgewöhnen ist, dass die Zuschauer auf den Rängen und Fotografen am Spielfeldrand immer noch als leblose, zweidimensionale Pappkameraden daherkommen. Denn hier schießt sich PES selbst ins Knie. In den schönen Wiederholungen erfreuen die detailliert gestalteten Gesichter der Spieler, denen man die Anstrengungen ansehen kann. Doch im Hintergrund der Szene wippen die flachen Figuren in der Fankurve steril auf und ab. Das muss besser werden, wenn man den Anspruch hat, eine Fußballsimulation stetig zu verbessern.
Nichts auszusetzen gibt es dagegen an der Ballkontrolle. Die Steuerung wurde angepasst und gefällt sowohl Neulingen als auch erfahrenen PES-Spielern. Das Verhalten des Balles im Dribbling oder beim Schuss ist nachvollziehbar und weiterhin das Prunkstück der Konami-Kicker. Es ist eine Herausforderung, trotz Bedrängnis durch die gegnerische Abwehr noch auf die Körperhaltung des eigenen Spielers und die Position des Balles zum Tor zu achten. Darin liegt der Reiz von Pro Evolution Soccer 2009: Die perfekte Ballbeherrschung und Ausnutzung der vielen taktischen Möglichkeiten. Konami hat das Spieltempo im Vergleich zum Vorgänger verlangsamt, wodurch der Fokus mehr auf Taktik und Zweikampfverhalten gelegt wird. Doch gerade die Zweikämpfe sind hauptverantwortlich für regelmäßigen Bluthochdruck beim Spieler.
Der Schiedsrichter sorgt mit seinen resoluten Entscheidungen für vollkommene Entgleisung der Gesichtszüge vor dem Bildschirm. Anstatt wie beim realen Fußball nach Fouls in den ersten Minuten den übermütigen Grobian zu ermahnen, zeigen alle Unparteiischen bei PES 2009 übereifrig ihre Karten. Gelbe und Rote Karten werden zu oft gezeigt, was den Spielfluss hemmt und absolut unrealistisch ist. Dabei will PES seit jeher doch genau das Gegenteil sein. Die Fouls erhitzen aber nicht nur die Gemüter, sondern offenbaren auch ungewohnte Schwächen in der Kollisionsabfrage. Wird der Ballführende rustikal vom Spielgerät getrennt, plumpst er nicht selten in trauriger Komik auf den Hintern, anstatt erwartungsgemäß kunstvoll abzuheben und sich dann dramatisierend auf dem Rasen zu winden. So sehen wir es im Stadion oder im Fernsehen. So wollen wir es auch in einer Fußballsimulation sehen.
Wo wir gerade beim Thema Freistöße sind: Auch hier ist nach Jahren der Entwicklung kein Fortschritt erkennbar. Sobald ein Foul innerhalb der eigenen Hälfte begangen wurde, wird mindestens ein Spieler als Mauer platziert. Doch, wie es auch die realen Vorbilder in jedem Spiel beweisen, macht es keinen Sinn, bei einer Tordistanz von etwa 45 Metern eine Ein-Mann-Mauer zu stellen. Erst recht nicht, wenn man in Unterzahl spielt. Schließlich geht die Torgefahr eher von den Spielern aus, die auf den Ball des Freistoßschützen warten. Doch PES 2009 stellt stur die direkte Schussrichtung aufs Tor mit mindestens einem Spieler zu. Schade, dass die Entwickler hier nicht über die Jahre dazugelernt haben. Etwas Mut zur Lücke würde in dem Fall besonders dem Realismus gut tun.
Bekanntlich sind bei Konami die Original-Lizenzen spärlich gesät. Als hübsche Entschädigung haben die Japaner aber im Delikatessenladen des europäischen Club-Fußballs eingekauft. Die UEFA Champions League kann exklusiv in PES 2009 durchgespielt werden. Dafür sicherte sich Konami eine Lizenz für 4 Jahre. Durch die bekannte Pokal-Hymne vor den Partien und geänderte In-Game-Grafiken kommt ein wenig Glanz in diesen Spielmodus. Anfang November stellt Konami ein Update bereit, wodurch 12 neue Teams einsteigen in den Kampf um den ehemaligen Europapokal der Landesmeister. Besonders schade für deutsche Fans ist, dass auch weiterhin keine Mannschaft aus der Bundesliga spielbar sein wird.
Pro Evolution Soccer 2009 ist ein gutes Fußballspiel. Doch im Zweikampf mit FIFA 09 zieht es klar den Kürzeren und ließ noch nie zuvor so sehr die eigene Evolution vermissen. Die umfassenden taktischen Möglichkeiten und die immer noch großartige Ballphysik werden Fans von PES milde stimmen. Angesichts der enttäuschenden optischen Qualität und der Schwächen etwa bei Schiedsrichtern und im Freistoßverhalten dimmt Konami aber besser das Licht auf dem eigenen Trainingsplatz bis nächstes Jahr. Dann müssen wir eine wirkliche Evolution erwarten können.
Pro und Kontra
+ Perfekte Ballphysik
+ Sehr gute Ballkontrolle
+ Umfangreiche taktische Möglichkeiten
+ motivierender Champions League Modus
- schwache Optik auf und abseits des Platzes
- wenige Lizenzen
- keine deutsche Mannschaft
- überharte Schiedsrichter
- spieltaktische Schwächen bei Freistößen
- unrealistische Bewegung bei Fouls
Einzelwertungen
Spielspaß: 80 Prozent
Grafik: 78 Prozent
Akustik: 80 Prozent
Bedienung: 85 Prozent
Mehrspieler: 85 Prozent
Gesamt: 81 von 100 Prozent.