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Eine Branche im Aufwärtstrend

Veröffentlicht am Dienstag, 29. Januar 2008 von Redaktion 

Lange bewegte sich die Politik nicht, jetzt überbieten sich Koalition und Opposition mit gegenseitigen Anträgen: Während CDU/CSU und SPD einen Preis für Spieleentwickler schaffen wollen, fordern die Grünen Prämierungen. Auch Studiengänge stehen inzwischen zur Debatte.

Von Frederic Schneider, Mitarbeit: Markus Stahmann

Es ist lange nichts passiert. Erst brauchte es zwei Amokläufe, in Erfurt und Emsdetten, bis die Politik das Thema Computerspiele wahrnahm. Doch statt sich seriös mit der Thematik zu beschäftigen, wurde die Branche auf so genannte "Killerspiele" reduziert.

Mit der Politik ist es manchmal nicht so einfach. Und so scheint es, als haben die Volksvertreter wieder lange gebraucht, bis sie ein Thema begriffen haben: Die Förderung der Spielebranche. Eine florierende "Games Convention" in Leipzig, um die jede Messestadt, die etwas von sich hält, buhlt, eine Stadt Köln, die im November die Weltmeisterschaft des eSports, die "World Cyber Games", veranstaltet – und mit "Crytek" ein international ausgerichtetes Unternehmen, das weltweit Erfolge feiert, mit Sitz in Frankfurt am Main. All dies sind Faktoren, die Berlin zum Umschwenken bewegten.

So war es dann im Herbst soweit, dass die Große Koalition, bestehend aus CDU/CSU und SPD, unter dem Titel "Wertvolle Computerspiele fördern, Medienkompetenz stärken" beispielsweise die Schaffung eines Preises für Entwickler unter der Schirmherrschaft des Bundes forderte, wozu der diesjährige Haushalt 300.000 Euro an Preisgeldern vorsieht. Inzwischen befindet sich der Antrag in der Beratung in den Ausschüssen, "Kultur und Medien" hat als zuständiges Ressort die Führung übernommen.

Unbeachtet von der Öffentlichkeit, wurde auch die Fraktion "Bündnis 90/Die Grünen" tätig, die derzeit schwächste Partei im Bundestag. Bereits in der umstrittenen "Killerspiele"-Debatte traten die Grünen hervor. Die Fundis und Realos sahen sich schon immer als die Partei, die gegen Verbote ankämpft. So ist es nicht verwunderlich, dass die Grünen jetzt initiativ wurden.

Der Antrag "Hochwertige Computerspiele fördern und bewahren" wird derzeit ebenfalls in den Ausschüssen beraten. Realistischerweise werden ihm jedoch wenige Chancen eingeräumt. So beurteilt der "Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware" (BIU) auf "GamePorts"-Anfrage den Antrag zwar als kleinen Erfolg, dass sich die Politik endlich bewege. Unterstützt wird jedoch die Koalition.

Die Oppositionspartei fordert die Schaffung eines "anerkannten Qualitätssiegels". Dies sieht der BIU kritisch. "Hier stellt sich immer die Frage der geeigneten Bewertungskriterien, die von den auslobenden Institutionen festzulegen sind und dabei nicht nur einzelne Aspekten berücksichtigen, sondern dem Gesamtprodukt gerecht werden müssen", so ein Sprecher des Verbandes. Der deutsche Spielepreis wird das Ergebnis eines Dialoges zwischen Branche und Politik sein, glaubt der BIU. Die Unions-Obfrau im Unterausschuss für Neue Medien, Dorothee Bär (CSU), schließt auf Anfrage von "GamePorts" hingegen etwa grundsätzlich die Auszeichnung von Shootern aus.

Grietje Bettin, medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, sieht Spiele im "GamePorts"-Gespräch andererseits als Kulturgut, die nicht nach guten (pädagogischen) und schlechten ("Killerspiele") einsortiert werden sollten. Außerdem kritisiert Bettin, dass die Regierung die Spielebranche zu sehr mit dem Film vergleiche. "Für uns sind Computerspiele ein eigenständiges Medium mit eigenen ästhetischen Kategorien", so die Politikerin.

Unterstützung erhalten die Grünen von der Jungen Union. Allerdings würden Qualitätssiegel alleine nicht genügen: "Vor allem müssen qualitativ wertige Spiele hergestellt werden, die auch marktgerecht sind, wie beispielsweise Dr. Kawashimas Gehirnjogging", so der medienpolitische Sprecher, Daniel Walther, in einem Gespräch mit "GamePorts". Auch deshalb wünscht sich die Union-Nachwuchsorganisation den Einsatz von "spannenden und aufwändigen" in den Schulen, Lehrbücher könnten durch PC-Spiele ergänzt werden. Doch dies sei Sache der Länder, die nach der Förderalismus-Reform weitestgehend für die Unterstützung von Computerspielen zuständig seien, so Walther.

Eine weitere Forderung der Grünen sind die Schaffungen von staatlich geförderten Ausbildungsstätten und Studiengängen an Hochschulen. Bislang existieren lediglich privat finanzierte Akademien wie die "Games Academy" in Berlin, die erst kürzlich eine Außenstelle in Frankfurt am Main eröffnete. Den Bedarf können solche Institutionen jedoch nicht decken. Die Branche erhofft sich nun langfristige Verbesserungen, seit längerem kritisiert man die fehlende Unterstützung des Staates.

Branchenführer Electronic Arts sieht eine entsprechende Notwendigkeit an ausgebildetem Personal: "Angesichts des Bedarfs an Arbeitsplätzen in dieser Wachstumsbranche sollte das auch realisierbar sein", sagt Pressesprecher Martin Lorber. Der BIU wünscht sich deshalb auch eine Konsolidierung der Spieleentwickler, etwa um Inhalte von Ausbildungen oder Studiengängen gemeinsam mit Berlin festzulegen. Grietje Bettin steht dem offen, stellt sich jedoch vor allem eine wissenschaftliche Untersuchung von Spielen an den Hochschulen vor: "Wichtig ist die Einbeziehung der Spielebranche im Praxisbereich. Denn jede Vermittlung praktischer Kenntnis ohne Praxisbezug ist Makulatur."

Einiges an Lob erhalten die Grünen dazu von der Linkspartei. Parteichef Lothar Bisky sagte gegenüber "GamePorts", öffentliche Einrichtungen hätten die Entwicklung bislang verschlafen - vor allem im Hinblick auf private Institutionen wie die "Games Academy".

Wann die Politik sich entschieden hat, was passieren soll, steht derweil noch nicht fest. Mehr als ein "Der Antrag läuft" ließen sich Politiker der Großen Koalition nicht entlocken. Noch nicht.