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Sherlock Holmes: Die Spur der Erwachten

Schöne Grüße, H.P. Lovecraft

Veröffentlicht am Mittwoch, 3. Januar 2007 von Marco Gödde

Dr. Watsons Patient, Captain Stenwick, vermisst seinen Diener und da die berühmte Spürnase Sherlock Holmes gerade keine wichtigeren Fälle zu lösen hat, nimmt er sich dieses scheinbar belanglosen Falles an. Die Suche führt ihn und Sie um den halben Globus und fast bis an das Ende der Welt. Das allerdings gilt es zu verhindern.

Achten Sie auf die Details, Watson

Im nun mehr dritten Teil der Adventure-Reihe schauen Sie erstmals durch die Augen des Privatschnüfflers und erforschen Ihre dreidimensionale Umgebung per Egoperspektive.  Dabei sind die Texturen scharf und detailliert. Auch die Charaktere sind bestens modelliert. Leider wirken viele Objekte kantig, Innenräume und Umgebungen richten sich meistens nach dem Rechtenwinkel und die Animationen der Figuren wirken unnatürlich und steif. Generell scheint sich in der Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts wenig zu bewegen. Nur selten fährt mal eine Kutsche durch die Stadt und Passanten sind äußerst dünn gesät. Gerade eine Großstadt wie London wirkt dadurch trotzt aller Farben trist und leblos.

Am besten gefällt dabei der Abschnitt in New Orleans, der mit hellen Farben, strahlendem Sonnenschein, abwechslungsreichen Umgebungen und einem der besten Momente im ganzen Spiel zu den seltenen Höhepunkten zählt. Dagegen enttäuscht das Finale an der schottischen Küste mit eintönigen und dunklen Gängen.

Die Stimmen der Charaktere wurden passend, wenn auch nicht lippensynchron vertont.  Und was die Umgebung an Animationen vermissen lässt, macht sie zum Teil durch die passenden Hintergrundgeräusche wett. Allerdings gibt Holmes Analyseapparatur zum Teil erschreckende Geräusche von sich und die Musik im Hauptmenu und bei den Ladevorgängen klingt, als hätte sie einen Schluckauf. Die Spur der Erwachten unterstütz Ageia PhysX-Karten und nutzt die physikalischen Gesetze für das eine oder andere Rätsel. Wobei die Physikberechnungschips nicht zwingend erforderlich sind, um den Fall zu lösen.

Mehr Lovecraft als Doyle

Die Geschichte der Sie im jüngsten Holmes-Abenteuer folgen beginnt beschaulich und verdichtet sich später zu einer Story um einen geheimen Kult, der nichts geringeres als das Ende der Welt zum Ziel hat.  Mit ihren Schockmomenten erinnert sie zudem eher an die düsteren Horrorgeschichten eines H.P. Lovecraft, als an den feinsinnigen Grusel eines Arthur Conan Doyles. Durch Gespräche und Zwischensequenzen in Spielgrafik wird die Geschichte vorangetrieben und führt Sie von London über die Schweiz und New Orleans bis nach Schottland, wo Sie einen durchgeknallten Sektenführer und seine Anhänger daran hindern, das Ende der Welt heraufzubeschwören. Leider ist die Story wenig spektakulär inszeniert und vermag es nicht wirklich mitzureißen. Es fehlt ihr über weite Strecken schlicht an der notwendigen Spannung. Zumindest bietet sie einen kleinen Seitenhieb auf eine bekannte Schriftstellerkollegin Doyles: Während einer Zugfahrt stolpert der junge Hercule Poirot in das Abteil von Holmes und Watson.

Genreüblich wird viel geredet. Sei es, das Holmes Zeugen befragt, sich mit Dr. Watson austauscht oder Ihnen seine Schlussfolgerungen mitteilt. Diese zieht Holmes selbstständig, was leider nicht immer nachvollziehbar ist, da Ihnen meist doch noch die eine oder andere wichtige Information fehlt.  So findet Holmes zum Beispiel das Foto einer Person, was ihm reicht, um ihn als Anführer des Geheimbundes zu identifizieren. Zum einen ist dies sogar ganz gut, da Ihnen auf diese Weise Sackgassen erspart belieben, zumal Holmes es Ihnen sagt, wenn ihm noch etwas zur Lösung fehlt. Zum anderen birgt dies aber auch den Nachteil, das Sie in der Regel lediglich alles einsammeln, lesen und miteinander Kombinieren. Eingesammelte Dokumente müssen dazu nicht einmal gelesen werden. Es reicht einfach, das entsprechende Dokument kurz zu öffnen und gegebenenfalls die einzelnen Seiten durchzuklicken. Lediglich Gesprächen sollten Sie aufmerksam folgen, beziehungsweise später noch einmal nachlesen. Zum Glück legt das Spiel sämtlich geführte Gespräche in einem Notizbuch ab, das Sie jederzeit aufrufen können.

Einige Schauplätze untersuchen Sie genauer.  Dazu zoomt das Spiel in eine Nahansicht, in der Sie per Maßband Fußabdrücke vermessen oder mit der Lupe kleinste Spuren untersuchen. Im Inventar, das selten mehr als zehn Objekte beinhaltet, kombinieren Sie die verschiedensten Objekte. Diese Kombinationsrätsel sind immer logisch. So fertigen Sie aus Knochen, etwas Segeltuch und einem Schluck hochprozentigem Rum eine Fackel. Aus ein paar Holzlatten, Nägeln und einem Hammer basteln Sie sich eine Leiter. Auf die gleiche Art und Weise setzen Sie die eingesammelten Gegenstände in der Umgebung ein.

Watson, hol das Stöckchen

An einigen Stellen schlüpfen Sie in den grauen Anzug von Dr. Watson. Wirklich abwechslungsreich oder gar aufregend ist das aber nicht. Meistens erledigen Sie dabei nur irgendwelche Hol- und Bringdienste für den Meisterdetektiv. Oder Sie müssen einfach die richtige Antwort auf eine Frage, die Ihnen Mister Holmes stellt, eintippen.  Dabei grenzt es schon an ein Wunder, das Watson Holmes die Treue hält. Denn selbst wenn Sie, beziehungsweise Watson richtig antworten, behandelt Holmes Sie mit Kommentaren wie „Sie erkennen mal wieder das offensichtliche, Watson!“ von oben herab. Das Spiel vermittelt Ihnen dabei das Gefühl, das der Charakter des Dr. Watson nicht wesentlich zur Lösung des Falles betragen kann. Schließlich scheint es ihm ja, zumindest Holmes Meinung nach, an dem nötigen Scharfsinn zu fehlen. Sie selbst denken dabei eher: Warum fragt das Arschloch, wenn es die Antwort doch eh schon kennt. Somit hätte es auch ein deutscher Schäferhund getan. Aber der kann ja leider nicht tippen.
Holmes Arroganz und Überheblichkeit geht sogar soweit, das er es nicht einmal für nötig hält, Captain Stenwick über den Verbleib seines Dieners zu informieren, als er zwischenzeitlich nach London zurückkehrt.

Fazit

Die Spur der Erwachten macht an einigen Stellen den Eindruck, als hätten die Entwickler ihr Konzept nicht bis zum Ende durchdacht.  Die Story ist zwar komplett, aber wenig spannend erzählt. In den Zwischensequenzen gibt es mehr zu lesen, als zu sehen. Zum Glück lassen sich Dank des aktuellen Patches Dialoge und Zwischensequenzen abbrechen. Und technische Mängel halten sich in Grenzen. Abgesehen von dem kuriosen Schluckauf bei der Lademusik und dem Fakt, das sich die Tastaturbelegung zwar ändern aber nicht abspeichern lässt.

Auch grafisch kann das Spiel, trotz Dreidimensionalität und Egoperspektive nicht ganz überzeugen. Dazu fehlt es vielen Umgebungen schlicht an der notwendigen Abwechslung. Lediglich die guten Synchronsprecher und cleveren Kombinationsrätsel können Überzeugen.
So schlecht ist das Spiel also nicht. Auch wenn es gegenüber der aktuellen Konkurrenz wie Runaway 2 etwas abfällt.

Pro und Kontra
+ solide und logische Rätselkost
+ gute Synchronsprecher
+ an sich gute Story...

- ...leider wenig spannend erzählt
- überwiegend triste Umgebungen
- dünne Geräuschkulisse
- Charakteren fehlt es an Tiefe

Einzelwertungen:
Spielspaß: 70 Prozent
Grafik: 68 Prozent
Akustik: 60 Prozent
Bedienung: 79 Prozent
Mehrspieler: nicht vorhanden

Gesamt: 69 von 100 Prozent.