Bibliothek

Mehr Informationen zu
Allgemein.

Funktionen

Druckansicht

Werbung

Allgemein

Situation der deutschen Entwicklerbranche

Veröffentlicht am Dienstag, 6. Juni 2006 von Frederic Schneider

Es braut sich etwas zusammen am deutschen Entwicklerhimmel. Die Wolken ziehen auf, der Wind peitscht gegen die Fenster. Hört, hört, Anno 1701, Crysis und Paraworld kriechen aus ihren Höhlen, heraus aus dem Lande der Dichter und Denker - heraus in die Welt, auf den internationalen Markt. Nein, kein Traum, aber eine Seltenheit.

Mittwoch, der 10. Mai 2006. In wenigen Stunden würde die weltgrößte Spielermesse exklusiv für Fachbesucher aus aller Welt eröffnen. Alles war vorbereitet. Riesen Stände standen, die Stadt glänzte für die Entertainment-Industrie. Nintendo hatte den großen Paukenschlag geplant - der "Wii" kam und stahl manchen die Show.

Irgendwo hier in Los Angeles, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, solle es, so das Gerücht, eine Ecke geben, die sich "German Pavillion" nannte. Das wäre nicht weiter schlimm, wären wir Franzosen, oder Spanier, Japaner oder die erfolgsverwöhnten Amerikaner. Wir sind Deutsche! Und stolz auf unsere Leistungen. Im "German Pavillion" möchte man auch Leistung zeigen, heute, am 10. Mai, aber auch am 11. und am 12. Mai. Dann war der Spuk wieder vorbei. Der "German Pavillion" würde abgebaut werden. Noch hatte man aber Zeit, die Spiele vorzustellen.

Es sind einige Entwickler und Publisher aus Deutschland gekommen. Man sprach nach der E3 von einem Erfolg. Ja, und, ja - Crysis war ein Erfolg. Das neue Anno und Paraworld haben sich einige Menschen angeschaut. Sie sind Deutschland. Drei Spiele - alles, was Deutschland zu bieten hat.

Rockstar Vienna: Aus die Maus

Ähnliche Situation, einige Tage zuvor. Der Stolz der deutschsprachigen Entwicklerbranche ging zunichte. Rockstar Vienna wurde geschlossen. Über 100 Entwickler haben im früher noch "neo Software" genannten Studio nahe der österreichischen Hauptstadt Wien gearbeitet. Und über Nacht, einfach so, war alles weg. Man werkelte an Portierungen unter anderem für den Verkaufsschlager Grand Theft Auto (GTA). Jetzt war es aus. Entwicklerstudios zu schließen, so meinen manche Entwickler, ist neuerdings Mode.

Das ist nicht gerade förderlich für "Old Europe". Seit Siedler 2 hatte man bis zum Jahre 2004 keinen nennenswerten internationalen Erfolg mehr. Bis, ja bis Crytek kam, sah und siegte - Far Cry bekam weltweit hervorragende Noten und verkaufte sich prima. Alles war wieder gut. Euphorie! Nun haben wir 2006 und es ist wieder so wie früher. Siedler 5 schnitt in Deutschland relativ gut ab - international möchte man nicht unbedingt vom großen Erfolg reden.

Nach dem Erfolg kam die Tiefe

Hannover. In der Landeshauptstadt von Niedersachsen hat vor wenigen Jahren das Entwicklerstudio exDream Entertainment seine Zelte aufgeschlagen. Das erste Spiel, das die Jungs veröffentlicht haben, nannte sich "Arena Wars". Trotz guten Noten in der deutschsprachigen Fachpresse blieb der große Erfolg an den Kassen aus. Schade. Seit dem haben die exDreamer kein neues Computerspiel mehr veröffentlicht - trotz Auszeichnungen, wie beim Deutschen Entwicklerpreis. Es hat nur zu einem kleinen Funspiel gereicht - Rocket Commander, welches in Zusammenarbeit mit Branchenrise Microsoft kostenlos, inklusive Sourcecode zum Lernen, im Internet erhältlich ist.

Man kann exDream als einen Funken der Hoffnung für die Branche bezeichnen. Ohne großes Kapital, ohne großes Personal und großer Erfahrung haben die damals vier jungen Männer es geschafft, ein Spiel auf den Markt zu bringen, welches in rund 20 Länder exportiert wurde. Jetzt fehlt die Förderung, um solche Studios international salonfähig zu machen. Für Armies of Steel, so der Name des neuen Spieles, wird seit einigen Monaten ein Publisher gesucht - verzweifelt. Benjamin Nitschke, Programmierer bei exDream, führt an, ein so großes Projekt, wie das neue exDream-Spiel, sei für Deutschland schlicht und einfach zu groß. „Wir haben auch kleinere Projekte in Planung, die auch in das Budget eines deutschen Publishers passen“, so der Mitgesellschafter der Hannoveraner.

Achtprozentiges Wachstum

Fehler wurden auch von der Politik gemacht. Förderungen für Spieleentwickler gibt es in Deutschland nicht. Wir sind weltweit der viertgrößte Absatzmarkt für Computer- und Videospiele - gleich nach den USA, Japan und Großbritannien. Mit einem jährlichen Wachstum von acht Prozent geht es dem Spielemarkt in Deutschland gut - im Prinzip. Benjamin Nitschke: „Es gibt zwar rund 20 Publisher hier in Deutschland“, so der Entwickler. „Jedoch kann eigentlich keiner davon ein Riesentitel mit mehreren Millionen Euro Investition hiefen. Dazu muss man sich internationaler Publisher bedienen, wie Crytek mit Ubisoft und jetzt Electronic Arts“.

Es sei nur eine Frage der Zeit, meint Benjamin Nitschke, bis auch die Politik dieses Problem und die Wachstumsrate erkennt und etwas tut. Damit auch Spiele aus dem Land der Dichter und Denker vorne mitspielen können.