Veröffentlicht am Mittwoch, 17. Mai 2006 von Marco Gödde
Schon einmal haben die Jungs von Crytek es verstanden, die Spielergemeinde zu begeistern. Im Jahr 2004 veröffentlichte das Team um die Yerli-Brüder den Ego-Shooter Farcry (dt.) und beeindruckte mit einer fantastischen Grafik, realistischer Physik und cleverer KI die Spieler.
Nun schickt sich der, inzwischen nach Frankfurt/Main umgezogene Entwickler, an, ein weiteres Mal die Spieletechnik auf die nächste Stufe anzuheben.
Wer bereits einige der ersten Bilder oder gar eines der Videos gesehen hat, hat zumindest schon mal eine Vorstellung, wozu der CryEngine 2 getaufte Grafikmotor von Crysis im Stande ist. Volumetrische Wolken werden in Echtzeit beleuchtet und werfen realistische Schatten auf darunter befindliche Objekte. Eine fortschrittliche Rendertechnik ermöglicht, dass man förmlich in die Wolken eintauchen und sie durchfliegen kann. Dazu plant Crytek Missionen, in denen sich der Spieler im Luftkampf gegen die neuen Gegner bewähren muss.
Auch am Boden weiß die Umgebung zu beeindrucken. Dichter und lebendiger wirkte der Dschungel noch nie. Die neue Engine berechnet jedes einzelne Blatt und jeden Grashalm, welche sich auch noch physikalisch korrekt zur Seite biegen und von den Füßen des Spielers niedergetrampelt werden, wenn er durch den Urwald schleicht.
Alles wirft herrlich anzuschauende, in Echtzeit berechnete, weiche Schatten. Diese Soft-Shadows verändern sich nicht nur passend zum Sonnenstand, sondern werden auch von anderen Lichtquellen, wie Feuer oder Scheinwerfer, beeinflusst.
Zu den weiteren Neuerungen, die die CryEngine 2 mitbringt, gehört neben dem Motion Blur, also der Bewegungsunschärfe, auch der Depth of Field genannte Effekt, bei dem der Blick des Spielers auf Objekte fokussiert und der Rest der Umgebung wie in der Realität leicht verschwimmt. Offenes Feuer erzeugt Hitzeflimmern, das die dahinterliegende Landschaft verzerrt. Dazu verdunkelt dichter Rauch die nähere Umgebung. Daneben wirkt das High Dynamic Range Rendering, das bei Farcry (dt.) noch per Patch nachgereicht wurde, bereits wie ein Standardgrafikeffekt. Allerdings wirkt es hier durch die filigran modellierte Dschungelflora besonders beeindruckend.
Auch bei den Figuren legt sich Crytek mächtig ins Zeug, um dem Spieler die detailliertesten Gegner zu bieten, die es bisher zu sehen gab. In den Gesichtern lassen sich selbst kleinste Poren und Bartstoppeln erkennen.
Bei der Spielphysik geht man ebenfalls einen Schritt weiter. So lassen sich bereits kleinere Bäume mit einfachen MG-Salven zu Kleinholz verarbeiten, während Wellblechhütten unter entsprechendem Kraftaufwand, sei es durch Explosionen oder einen gezielt gelenkten LKW, physikalisch korrekt in sich zusammenfallen. Damit sind die Zeiten, in denen man mit einem tonnenschweren Panzer selbst an den kleinsten Bäumen hängen blieb, endgültig vorbei.
Wie bereits erwähnt, biegen sich Blätter und kleine Äste geschmeidig zur Seite, wenn die Spielfigur an ihr vorbeistreift. Die verbesserte künstliche Intelligenz der Gegner registriert solche Bewegungen und reagiert entsprechend auf die Aktionen des Spielers. Setzt man zum Beispiel gezielt den Tank eines Geländewagens in Brand, um mit der anschließenden Explosion die umstehenden Feinde ins Jenseits zu befördern, so ergeben diese sich nicht tatenlos in ihr Schicksal, sondern bringen sich rechtzeitig in Sicherheit, um nach erfolgter Detonation den Spieler sofort zu attackieren. Dabei versuchen die KI-Kontrahenten den Spieler geschickt zu umgehen und stürmen nicht blindlings auf ihn zu.
Anfangs bekommt es der Spieler noch mit menschlichen Gegnern zu tun. Im späteren Spielverlauf stößt er aber auf weitaus stärkere und fremdartigere Aggressoren. Schließlich ist das idyllische Eiland, auf das der Spieler von den US-Streitkräften geschickt wird, der Schauplatz einer außerirdischen Invasion.
Doch soweit sind wir noch nicht, hält man doch den Brocken aus dem All, der auf der pazifischen Insel einschlug, zu Beginn noch für einen schlichten Asteroiden. Nordkorea entsendet als erstes seine Flotte, gefolgt von den Chinesen. Selbstverständlich sehen die Amerikaner dabei nicht tatenlos zu und schicken ihrerseits zwei Flugzeugträger in die Krisenregion. Mit an Bord: Jake Dunn, der Mann für Einsätze der ganz besonderen Art.
Mit seinen Männern macht sich Jake auf den Weg in den Dschungel, um den Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Richtig gelesen: Im Gegensatz zu FarCry ist der Spieler nicht mehr als einsamer Wolf, sondern im Team unterwegs. Allerdings kann er seinen Leuten keine Befehle erteilen. Die Kollegen agieren weitestgehend selbstständig. Als simples Kanonenfutter sollten sie dennoch nicht betrachtet werden. Schließlich unterstützen sie den Spieler in den Auseinandersetzungen und werden im Falle des Ablebens nicht mehr ersetzt. Doch die KI-Mitstreiter sind nicht die einzige Unterstützung, die dem Spieler zur Verfügung steht. Als wichtigstes Teil seiner Ausrüstung hilft der neue Nano Muscle Suit, kurz NMS, Jake Dunn bei der Bewältigung seiner Aufgaben. Der Nano Muscle Suit verbessert neben dem Schutz auch die Geschwindigkeit und Kraft seines Trägers. Dafür benötigt der Hightechanzug Energie, die sich zwar bei Benutzung verbraucht, aber mit der Zeit wieder von allein auflädt. Per Tastendruck lässt sich die Energie auf die gerade benötigte Funktion verteilen. Neben den bereits erwähnten Funktionen wartet der Nano Muscle Suit noch mit einer Heilfunktion auf, die bei Verletzungen nach und nach Jakes Gesundheit wiederherstellt. Ein eingebauter Schleichmodus dämpft die Geräusche, die Dunn beim durchstreifen der Insel erzeugt. Je lauter er dabei ist, desto schneller leeren sich seine Batterien. Und noch etwas Besonderes hat das gute Kleidungsstück zu bieten: Eine integrierte Klimaanlage, die ihren ersten großen Auftritt hat, als Jake zum ersten Mal von den Außerirdischen tiefgefroren wird und sie ihn wieder auftaut.
Kämpft der Spieler am Anfang gegen die bereits auf dem Inselparadies gelandeten Koreaner, muss er sich im Verlauf der Geschichte mit ihnen verbünden, um sich dem gemeinsamen Feind entgegenzustellen. Je weiter man im Spielgeschehen voranschreitet und dabei immer tiefer in den Urwald vordringt, desto stärker wächst die Bedrohung durch die Aliens, die nicht nur nach und nach die Insel einfrieren, sondern am besten gleich die ganze Welt in einen Eisblock verwandeln wollen.
Dunn nutzt für seinen Kampf nicht nur das übliche Shooterrepertoire aus Pistolen, Maschinengewehren und Raketenwerfern. Im späteren Spiel darf er auch den Molecular Arrester benutzen und damit seine Gegner einfrieren. Ein Schuss mit der Pistole lässt die Widersacher anschließend in tausende kleine Eiswürfel zerspringen. Man fühlt sich an die Szene aus Terminator 2, in der Arnie den T1000 außer Gefecht setzt, erinnert.
Außerdem bekommt Jake später noch den Molecular Accelerator in die Finger, der die Luftfeuchtigkeit der Umgebung in Eissplitter verwandelt und diese dann als totbringende Geschosse benutzt. Alle Waffen lassen sich auch während der Gefechte jeder Zeit mit Schalldämpfer, Zielfernrohr oder Granatwerfer aufrüsten und sich somit an die jeweilige Situation anpassen. Dazu ruft man per Tastendruck ein Ringmenü in der Bildschirmmitte auf und wählt den entsprechenden Menüpunkt. Ein weiterer Mausklick und schon verfügt die Waffe über die gewünschte Funktion. Schneller geht so etwas kaum.
Diese starken Waffen hat der Spieler auch bitter nötig. Schließlich befindet sich unter den Gegnern der eine oder andere ziemlich große Brocken, wie zum Beispiel das gigantische Alien aus dem E3-Demolevel, das den Flugzeugträger unter Jakes Füßen in seine Einzelteile zerlegt. Ob im Spiel geskriptete Sequenzen vorkommen, ist noch schwer zu sagen.
Zumindest vermittelt die Szene auf dem Flugzeugträger diesen Eindruck. So beginnt das Feuergefecht zwischen den Außerirdischen und unseren KI-Kollegen erst, als wir das Flugzeugträgerdeck betreten, obwohl bereits alles in Trümmern liegt. Immer wieder holt das Alien ein und den selben Gleiter, an ein und der selben Stelle aus der Luft und wirft ihn immer wieder in die Kommandobrücke des Flugzeugträgers, woraufhin der Funkmast immer wieder in die selbe Richtung umstürzt.
Laut Cevat Yerli soll eine Grafikkarte mit Shader 2.0 reichen, um Crysis spielen zu können. Was darüber hinaus an CPU-Leistung und Arbeitsspeicher benötigt wird, ist allerdings noch unklar. Fest steht auf jeden Fall, das Crysis eines der ersten Spiele sein wird, welches das kommende Shader Model 4.0 und DirectX 10 unterstützen wird. Auch eine Dual-Core-CPU dürfte von Vorteil sein.
Wenn das Spiel Ende 2006 erscheint, wird es wohl noch kein PC-System geben, das dessen komplettes Potenzial ausschöpfen kann. Wer also mit Crysis die höchsten Grafikweihen erlangen und wirklich alle Effekte und Physikspielereien sehen will, muss schon jetzt auf einen Rechner mit mindestens einem Zwei-Kern-Prozessor, einer DirectX 10-fähigen Grafikkarte mit Shader Model 4.0 und Microsofts neues Betriebssystem Vista sparen. Doch auch mit aktuellen Highend-Rechnern, mit DirectX 9 und Shader 3.0 Grafikkarten, wird sich ein beeindruckendes Grafikfeuerwerk entfachen lassen.
Ich für meinen Teil kann es kaum noch erwarten, bis endlich wieder der Winter Einzug hält und ich gemeinsam mit Jake Dunn durch den tropischen Urwald streifen kann.