Veröffentlicht am Donnerstag, 14. September 2006 von Frederic Schneider
Acht Millionen Euro soll es verschlungen haben - ParaWorld ist die bislang teuerste Strategiespiel-Produktion in Deutschland. Mit einer neuartigen Spielwelt möchte das Entwicklerstudio SEK auf Käuferjagd gehen. Ob der Fang erfolgreich sein wird, klärt dieser Bericht.
Der Mathematiker Jarvis Babbit scharte zu Beginn des 19. Jahrhundert eine Truppe aus Elitewissenschaftler um sich, den so genannten Geheimbund (SEAS), um nach mysteriösen Parallelwelten zu forschen. Nach einer Weile gelingt es Habbit, mittels seines Computers Zeiten auszurechnen, um in die ParaWorld zu gelangen. Drei junge Wissenschaftler, Anthony Cole, Béla Andràs Benedek und Stina Holmlund kommen Babbit später auf die Spur und landen in der Parallelwelt. Babbit versucht fortan, sich die drei "Helden" vom Leibe zu halten.
Die 17 Missionen umfassende Kampagne startet mit einem Tutorial, welches den Anfang der Geschichte erzählt. In einem aufwändig produzierten InGame-Video erleben Sie die Ankunft der drei Helden im Viking-Park, der kleinere Anspielungen auf "Jurassic Park" nicht verleugnen kann. Zu Anfang ist es Ihre Aufgabe, mit der parallellen Welt umzugehen. Für Anthony und seine Gefährten ist es ungewöhnlich, dass sie gegen Säbelzahntiger und Dinosaurier in den Kampf ziehen - mit einer Axt, Schwertern und Speeren. Ungewöhnlich ist auch das Verhalten der Natur, das sich nicht mit dem unserer Erde vergleichen lässt.
Im Laufe der Missionen erhalten Sie unterschiedliche Aufgaben. Meistens müssen Ihre Helden schwachen Kämpfern helfen, oder Mammuts vor der qualvollen Ermordung durch Nomaden retten. Stets mit Zeitdruck und freiwilligen Nebenquests, deren erfolgreiche Beendigung wertvolle Punkte bringen. Zu Anfang einer jeden Mission und gegen Ende schwenkt die Kampagne in InGame-Videos um, die die Geschichte der ParaWorld erzählen. Über die Tagebücher der Charaktere, die während des Ladevorgangs angezeigt und gesprochen werden, wird die Geschichte im Detail abgerundet.
Während der Kampagne spielen Sie alle drei Völker: Das Nordvolk, welche an skandinavische Krieger, wie die Wikinger, erinnern. In der englischen Version heißt das Volk "Norsemen". In den ersten Missionen steht das Nordvolk unter Ihrer Kontrolle. Im Laufe des Spieles dürfen auch die Wüstenreiter (engl.: Dustrider) gespielt werden. Sie sind Nomaden und folglich sehr flexibel. Der Drachenclan (engl.: Dragon Clan) erinnert an asiatische Völker. Die Stärke dieses Volkes: Hinterhalte. Im Verlauf der Kampagne dürfen Sie selber wählen, mit welchem Volk in die Schlacht gezogen wird. Als Gegner haben Sie es außerdem mit der SEAS zu tun. Sie ist das einzige Volk, das als Kampfeinheiten keine Dinosaurier, sondern dampfbetriebene Maschinen verwendet.
Sie werden in insgesamt fünf Klimazonen spielen, die sich nicht nur optisch, sondern auch durch verschiedene Inhalte (Tiere) unterscheiden. Im Nordland ist das Nordvolk zu Hause. In der Eiswüste ist es kalt; im Aschetal hingegen kommt man sich wie auf einer Vulkaninsel vor. Der Dschungel und die Savanne runden das Angebot ab.
Außer der in drei Schwierigkeitsgrade eingeteilten Kampagne ist es möglich, alle Karten im "Freien Spiel" gegen die Künstliche Intelligenz (KI) zu spielen. Die KI ist in unterschiedliche Level eingestuft - von eins bis neun.
Vor dem Start des Spieles können Sie im "Army Builder" Ihre Startarmee zusammenstellen. Zusammengestellte "Decks" können abgespeichert und mit anderen Spielern ausgetauscht werden - die Entwickler haben mitgedacht. Das Spiel liefert drei Decks mit: Standard, Boomer und Rusher. Normalerweise starten Sie mit menschlichen Arbeitern und einem Haupthaus. Es gilt, Holz, Steine und Fleisch abzubauen, Wohnhäuser, Steinmetze und Kasernen für das Militär zu bauen - wie von Echtzeitstrategie-Spielen gewohnt. ParaWorld kennt allerdings eine weitere Ressource: Die Skulls. Um diese zu bekommen, müssen Sie Tiere oder feindlichen Einheiten und Gebäude zerstören. Skulls sind wichtig, um eine Epoche nach oben zu steigen - insgesamt gibt es fünf.
Außerdem brauchen Sie Skulls, um Ihre Einheiten hochzustufen. Hochstufen? Auch hier setzt ParaWorld Maßstäbe: Sie haben im so genannten "Army Controller" fünf Ebenen, deren Plätze beschränkt sind. Ergo: Sind alle Plätze belegt, können keine Einheiten mehr produziert werden. Arbeiter stehen in der untersten Ebene. Truppenteile, die es erst in der dritten Epoche gibt, stehen sofort in der dritten Ebene. Aber Achtung: Die Plätze nach oben werden immer weniger.
Sie müssen sich also von Anfang an überlegen, welche Einheit für Ihren Kampf am wichtigsten sind. Es gibt in der fünften Ebene nur den Platz für eine Einheit. Sie können Ihre Kämpfer jederzeit "hochleveln". Der Clou: Ihr Soldat bekommt automatisch wieder volle Stärke, sobald er in eine neue Ebene steigt. So wird es auch möglich, mitten im Gefecht die Kampfeinheit hochzuleveln, kurz bevor sie zerstört ist - und sie ist wieder voll einsatzfähig. Umso höher die Einheit gelevelt ist, desto stärker ist sie. Die Helden haben außerdem besondere, für die ParaWorld auch untypische Fähigkeiten, die sich mitunter auf Einheiten in der Nähe des Helden auswirken - sowohl positiv (für die eigenen Einheiten) als auch negativ (für die Gegner).
Der Army Controller kann allerdings noch mehr: Er bietet jederzeit die Möglichkeit, Ihre Einheiten zu kontrollieren. Egal, wo sich diese gerade befinden - dank dem Army Controller behalten Sie immer die Übersicht. Einheiten müssen nicht mehr gesucht werden, sondern sind mit maximal drei Klicks vom einen Ende der Karte zum anderen geschickt. Sie können im Army Controller auch sehen, was Ihre Einheiten gerade machen - bauen, kämpfen oder nichts.
Seit einigen Wochen ist klar, dass ParaWorld zukünftig in der ESL ProSeries, die Bundesliga des eSports gespielt wird. Außerdem löste ParaWorld WarCraft 3 als so genanntes "Gold-Spiel" in der Netzstatt Gaming League (NGL) ab. In den letzten Tagen fanden über die Communityseite MySkulls.com erste Tuniere mit hochdotierten Preisen statt - GC After Hour Cup: 2 000 Euro; 5 000 Euro Demo-Tunier. Mehrere hundert Teilnehmer, darunter bekannte "ProGamer" aus der WarCraft 3-Szene wie miou vom Clan SK.gaming zeigen, dass ParaWorld im Mehrspielermodus große Anerkennung findet.
Sie haben entweder die Möglichkeit, über Internet (via GameSpy) oder im LAN, über die direkte Eingabe einer IP-Nummer, oder über die offiziellen Dedicated Server mit anderen Spielern zu spielen. Insgesamt gibt es drei Mehrspielermodi: Deatmatch, sowie Defender (Verteidigung) und Domination (Eroberung und Sicherung). Durch das große eSports-Potential haben sich schon zahlreiche Taktiken entwickelt, die auf diversen Szeneseiten nachgelesen werden können. Dadurch bietet ParaWorld eine große Vielfalt an Möglichkeiten. Dank prominenter Unterstützung im Game Design (Flagship Studios - die Entwickler von Hellgate: London; Noah Falstein - u.a. Indiana Jones) spielt sich ParaWorld ähnlich gut wie Genre-Referenzen ála StarCraft und WarCraft 3; die bisherige Balance tut ihr Übriges dazu, den Spielern einen Reiz zu geben, ParaWorld zu spielen.
Leider fehlt im Mehrspielermodus eine Lobby, über die sich die Spieler austauschen können. Entwickler SEK kündigte jedoch an, das in einem späteren Patch nachzureichen.
GamePorts wird den Mehrspielermodus in den nächsten zwei bis drei Wochen einem Langzeittest unterziehen, um danach einen extra Artikel zu verfassen und eine abschließende Mehrspieler-Wertung zu vergeben.
Das Spieleentwicklungskombinat (SEK) hat mit PEST seine eigene 3D-Engine entwickelt. Dabei ist den Entwicklern eine sehr schöne und detaillierte Grafik gelungen. Trotzdem sind die Hardware-Anforderungen nicht hoch. Selbst in der untersten Grafikstufe (eins) sieht das Spiel noch viel besser aus als manch anderes Echtzeitstrategie-Spiel. Besonders gelungen sind die Animationen. Allerdings ist uns im Test aufgefallen, dass Bogenschützen auf einer berittenen Einheit nach links schießen, obwohl der Gegner sich rechts befindet. Das sollten die Entwickler noch verbessern.
Große Geschütze hat Publisher Sunflowers in Punkto Akustik aufgefahren. Niemand anderes als das Mainzer Unternehmen Dynamedion ist für die Hintergrundmusik verantwortlich. Die Musik ist dynamisch und wurde mit echtem Orchester aufgenommen - wunderschön. Auch konnten prominente Sprecher für die Hauptcharaktere gewonnen werden: Dietmar Wunder spricht Cole, sonst synchronisiert er Adam Sandler. Joachim Kerzel spricht eigentlich Dustin Hofmann und Richard Harris - in ParaWorld synchronisiert er Babbit.
ParaWorld - ich verfolge die deutsche Entwicklung seit nunmehr zirka zwei Jahren. Ich bin erstaunt, was das SEK aus dem Echtzeitstrategiespiel gemacht hat: Ein wunderschönes, flott zu spielendes, auf viele Faktoren abgestimmtes Strategiespiel. Durch den mehrmonatigen Betatest haben die Entwickler viel Feedback von mehreren hundert Betatestern einfließen lassen, was man auch am bisher hervorragenden Balacing im Mehrspielermodus sieht. Besonders hat mir das Setting, mit den unterschiedlichen Klimazonen, aber auch die oftmals realistischen Dinosaurier gefallen. Die Grafik und das Gameplay, plus Musik komponiert von Dynamedion haben mich verzaubert und bringen mir so viel Spaß auf dem Bildschirm, wie lange nicht mehr. ParaWorld ist nicht besser als StarCraft, als WarCraft 3 - aber es ist nah dran und wird seinen Weg im eSports gehen; und Freunde von Kampagnen durch 17 schöne Missionen führen.
Pro und Contra
+ Wunderschöne Grafik
+ Endlich mal etwas neues: Dinosaurier
+ Army Controller
+ Gut balanciertes Spiel
+ (Klasse) Musik von Dynamedion
- Fehlende Lobby im Mehrspielermodus
- Keine richtige Physik-Engine
Wertung
Spielspaß: 92 Prozent
Grafik: 90 Prozent
Akustik: 92 Prozent
Bedienung: 88 Prozent
Mehrspieler: 90 Prozent (Tendenz)
Gesamt: 90 von 100 Prozent.