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Amoklauf in Emsdetten

Wir sind keine Killer!

Wann wird die "Killerspiele"-Debatte ein Ende haben? Nie? Endet sie vielleicht in einer Gesetzesänderung - bis zu einem Jahr Haft für denjenigen, der solche Spiele erwirbt, herstellt und vertreibt? Der Vorstoß von Günther Beckstein (CSU) gibt vielen Spielern zu denken.

Von Timo Heuer und Frederic Schneider

Blutverschmierte Gesichter, fliegende Handgranaten die vor Personen explodieren, die mit einer Kalaschnikow bewaffnet gerade mitten auf einem Schlachtfeld kämpfen. Die Virtualität kennt keine Grenzen, wenn es um praktizierte Gewalt am Bildschirm geht. Vor allem Ego-Shooter wie Doom 3 brüsten sich mit derartigen Szenen - freilich ab 18 Jahre, indiziert, für Kinder ungeeignet.

Solche Computer- und Videospiele stehen seit dem Amoklauf von Emsdetten wieder stark in der Kritik. Manche Politiker versuchen krampfhaft dagegen vorzugehen. Wie der CSU-Politiker Günther Beckstein, Innenminister in Bayern. Diese Woche schlug der Minister vor, den Paragraphen 131 des Strafgesetzbuches (StGB) zu erweitern, um die Herstellung, die Verbreitung und den Erwerb von so genannten "Killerspielen" unter Strafe zu stellen. Geht es nach Beckstein, könnten Entwickler, Publisher und Spieler demnächst für ein Jahr in das Gefängnis - wenn sie Glück haben, bleibt es bei einer Geldstrafe.

Ergo: Der Staat schreibt seinen Bürgern vor, dass sie keine Spiele mit Gewaltinhalten spielen dürfen. Und Spieleentwickler dürfen derartiges Material nicht mehr produzieren - sonst gehts in den Knast.

Heftigen Gegenwind gab es nicht nur von der Opposition, sondern auch vom Koalitionspartner SPD.

Junge Union fordert "Harmonisierung des europäischen Jugendschutzes"

Ein Kritikpunkt von Beckstein & Co. ist auch die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), die nach der Auffassung von Politikern nicht gut funktioniert. Daniel Walther, medienpolitischer Sprecher im Bundesvorstand der Jungen Union, sieht das anders. "Der deutsche Jugendschutz gilt weltweit als modern und effektiv", sagte er GamePorts. "An der Entscheidungsfindung der USK über Alterseinstufungen ist die Politik längst beteiligt."

Die "Killerspiele", welche die Zuschauer im Fernsehen gezeigt bekämen, seien in Deutschland ohnehin längst indiziert oder verboten. Die Junge Union tritt dafür ein, dass der europäische Jugendschutz als Gemeinschaftsprojekt entwickelt werden sollte, wenn "etwas gegen die Verbreitung bislang undefinierter 'Killerspiele' unternommen werden soll". Deshalb fordert Walther: "Harmonisiert den europäischen Jugendschutz!"

Schönbohm begrüßt Gesetzesinitiative

Auf Anfrage von GamePorts zeigte sich das brandenburgische Innenministerium (Jörg Schönbohm, CDU) vom bayerischen Vorschlag nicht abgeneigt. "Eine endgültige Bewertung kann jedoch erst vorgenommen werden, wenn die genauen Inhalte der Gesetzesinitiative bekannt sind." Die "Killerspiele" würden "immer brutaler" werden, heißt es aus Brandenburg, deshalb sei eine Eindämmung zu begrüßen.

Jugendmäßige Anforderungen an "Coolness" nicht erfüllt

Daniel Bartsch von der Linkspartei ist gegen ein Verbot von "Killerspielen". Er meint, die nötigen Jugendschutz-Gesetze seien da, weshalb "keine Verschärfung bestehender Gesetzte, sondern eine bessere Kontrolle der Einhaltung" wichtig sei. Der Amokläufer von Emsdetten habe massive soziale Probleme gehabt, so Bartsch. Der Amokläufer hat "bestimmte jugendmäßige Anforderung an 'Coolness' nicht erfüllen können". Sebastian B. meinte, "eine Gesellschaft, die, statt auf Solidarität, Gerechtigkeit und Zusammenhalt zu setzen, auf Unterschiede, Leistungsdruck und Auslese programmiert ist, produziert Verlierer. Einige von denen nehmen die ihnen zugewiesene Rolle nicht hin und wehren sich", sagte Daniel Bartsch. "Mit den furchtbaren Folgen von Tod und Verletzungen. Ein Klima, das keine Verlierer zulässt, wäre ein Klima, in dem Amokläufer nicht so leicht entstehen."

Counter Strike als das Haar in der Suppe

Als Paradebeispiel für böse Spiele wird meistens der Taktik-Shooter Counter Strike (CS) genannt. Die Antiterroreinheiten müssen darin versuchen, die von den Terroristen platzierte Bombe zu entschärfen. Gelingt es ihnen nicht, ist die Runde verloren. Taktisches Vorgehen ist für beide Parteien wichtig. Politiker hingegen sehen in der Regel nur den brutalen Part von CS, in dem die Gegner auch erschossen werden. Schießt ein Spieler hingegen sein Teammitglied an, wird er bestraft.

EA: Wichtige Fragen wurden noch nicht gestellt

Electronic Arts (EA) vertreibt dieses Spiel. Gegenüber GamePorts lehnte EA-Pressesprecher Martin Lorber das Verbot ab. "Ich schließe mich der Meinung der Bundesjustizministerin an, die an Becksteins Vorschlag keinen strafrechtlichen Mehrwert erkennen kann." Das Problem der aktuellen Diskussion sei, so Lober, dass wichtige Fragen überhaupt noch nicht von ganz oben in der Politik gestellt wurden. "Wieso konnte sich der Täter echte Waffen besorgen? Warum hat dieser junge Mensch einen solchen Hass entwickeln? Welche Frühwarnsysteme brauchen wir, um gefährdete Jugendliche aus ihrer sozialer Isolation herauszuholen?"

Sebastian B. war verzweifelt, als er beschloss, an seiner ehemaligen Schule, die Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten, einen Amoklauf zu verüben. Er fühlte sich von seiner Umwelt gedemütigt und sah keinen Sinn mehr darin, in dieser Gesellschaft weiter zu leben.

eSports-Verband sieht juristische Probleme in der StGB-Änderung

Der Deutsche eSports Bund (ESB) sieht in einer Änderung des StGB juristische Probleme. "Es ist juristisch völlig unbestimmt und eine Frage des persönlichen Geschmacks, wann eine Gewalttätigkeit 'grausam' ist", kritisiert der verbandsinterne Justiziar Dr. Johannes Ulbricht den Gesetzesentwurf Becksteins. Außerdem würde der überarbeitete Paragraph 131 gegen das strafrechtliche Bestimmtheitsgebot (Artikel 103 Abs. 2 Grundgesetz) und
gegen die Kunstfreiheit (Artikel 5 Abs. 3 Grundgesetz) verstoßen.

ESB-Geschäftsführer Frank Sliwka sagte zu GamePorts: "Der Jugendschutz in Deutschland funktioniert genauso gut wie die Prüfung der Spiele. Die Diskussion führen politische Vertreter."

GamePorts-Leser: Die Politiker haben keine Ahnung

Die Spieler sehen die ganze Debatte kritisch. So schrieb der GamePorts-Mitarbeiter Stefan Keller in einem Kommentar: "Ja, sicher ist das (der Amoklauf, d. Red.) schlimm, aber für Politiker ist das gefundenes Fressen. Dann waren eben die Spiele schuld und nicht etwas das vollkommen sinnfreie Bildungssystem, oder gar unsere intollerante Gesellschaft." Ein Counter Strike-Spieler schrieb in seinem Kommentar: "Diese dummen Politiker haben kaum eine Ahnung von Counter Strike (CS), denn CS ist weit mehr als reines Geballere." Ein weiterer bringt es auf den Punkt: "Wurden Flugsimulatoren nach dem 11. September verboten? Schließlich kann man mit diesen theoretisch lernen, ein Flugzeug zu steuern!"

Die Diskussion in den Kommentaren hat einen strikten Kontra-Beigeschmack, wie sollte es auf einer Computer- und Videospieleseite auch anders sein. So schrieb ein GamePorts-Leser: "Regierungen zetteln Kriege an, siehe Bush aus den USA, hetzen Menschen gegeneinander auf, siehe Kongo. Religiöse Führer rufen zum Glaubenskrieg auf, zum Töten von Menschen, obwohl in den Religionen angeblich das Töten verboten ist. Spielemacher rufen zu nichts auf. Kauf das Spiel oder nicht. Wieviele Menschen sterben durch Politik und Religion, wieviele durch Ballerspiele?"

Wo sollen diese Unterstellungen und Verleumdungen gegenüber Politikern hinführen? Unser Leser "Adrinator" meinte: "Es ist falsch, Counter Strike die Schuld zu geben, man sollte lieber das Schulsystem verbessern. Und da die Politik im Allgemeinen nicht fähig ist, eine bestimmte rechtsradikale Partei zu verbieten, sollte sie sich überlegen, ob sie große Reden schwingen sollte, bevor man über ein Verbot von 'Killerspielen' nachdenkt."

Online-Petition: Wir sind keine Killer!

Dem 20-jährigen Abiturienten Dominik Hahn hat das ganze Thema gereicht. Vor kurzem stellte er auf die Webseite killerspielverbot.de eine Petition online. Unter dem Motto "Wir sind keine Killer!" kann sich jeder gegen die Kritik der Politiker wehren - mit einer virtuellen Unterschrift.

Auf die Idee kam der leidenschaftliche "Killerspieler" durch seine Großmutter: "Ich war nach dem Amoklauf bei ihr und sie meinte: 'Du spielst doch auch so etwas - nicht dass ich dich irgendwann mal in den Nachrichten sehe.' Und da habe ich mir gedacht, dass da irgendetwas falsch läuft."

Er möchte ein Zeichen setzen, "dem namenlosen Spieler einen Namen geben". Man müsse zeigen, dass sie keine potentielle Killer sind, "keine verwirrten Menschen, die aus reiner Mordlust virtuell Leute abknallen, sondern Menschen wie du und ich". Und Dominik wehrt sich gegen eine Pauschalisierung der älteren Generation, das habe er auch kürzlich beim Kauf der Wii gemerkt.

Bis heute haben knapp 700 Menschen die Petition unterzeichnet.

(fsc)

Veröffentlicht am Freitag, 8. Dezember 2006 um 19:30 Uhr

Schlüsselwörter

AmoklaufEmsdettenKillerspiele

Kommentare

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Art! () Ich würde auch gerne einen Kommentar dazu abliefern. Klar ist es von einigen Politikern falsch "Killerspiele" zu verbieten. Und so etwas wird auch sehr wahrscheinlich nicht zustandekommen. Aber es stimmt auch dass einige "Zocker" richtig durchdrehen und an nichts mehr anders denken alle anderen umzubringen. Beweis: http://video.google.de/videoplay?docid=-7203149411749166127&q=junge Und man sollte nicht versuchen das Problem abzustreiten denn es ist ein Problem! Ich kenne selber welche die so durchdrehen beim Spielen. Deshalb sollten sie das Problem eher beim Jungendschutz, beim Bildungssystem und sonst wo anders suchen. Aber naja, so wie es bei der Politik in Deutschland ist, wird die einfachste Lösung gesucht, nicht die Beste und für die Politiker ist das Verbieten solcher Spiele ein gefundenes Fressen. Und noch ein Argument gegen das Verbot. Nun mal angenommen das Gesetz kommt zustande. Dann tauchen mir folgende Fragen auf: Wie wird dann der entstehende Schwarzmarkt geregelt? Wie viele Ammokläufe gibt es dann weil Spielsüchtige ihre Sucht nicht befriedigen können? usw. Mit freundlichen Grüssen ArT!

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